Böhmische Küche: Von der Rettigová zur Bohème Bourgeoise

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Buchty – Buchteln, Germkuchen mit povidla. Foto: kavarna-cukrarna.webnode.cz

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Von der Rettigová zur Bohème Bourgeoise

Oder vom Volks- zum Edelknödel. Die sogenannte Böhmische Küche, die reiseerfahrene Tschechen heute eher in Wien als in Prag angesiedelt finden – „besser und grösser“, so zumindestens deren Aussage zu (Wiener) Martinigansl oder Topfenkolatschen – diese Küche (inklusive dem langjährigen Un-Wort Wein) ist trotzdem besser als ihr postkommunistisch angeschlagener Ruf, vielfältiger als weithin klischeehaft bekannt, gesünder als sie vor allem US-Amerikaner im Tripadvisor beschreiben, und hinreissend, wenn man sie zu geniessen versteht. Und damit sind bei weitem nicht nur die hochsternigen Edelrestaurants in Prags Innenstadt gemeint, die hier nur in verdienten Ausnahmefällen Platz finden werden. Dieses Kapitel ist allen Facetten des Themas „Essen in Prag“ (und Umgebung) gewidmet, von der Urmutter des tschechischen Kochbuchs, Magdalena Dobromila Rettigová, über eine wohlfeile Auslese an Beisln, Kaffeehäusern und Restaurants, bis zum Einkaufen im Vietnamesen-Laden um die Ecke.

Und ich nehme mir heraus, die tschechischen Essensbezeichnungen mit ihrem österreichischen Äquivalent zu übersetzen, so wie sich das schliesslich gehört. West- oder norddeutsche Übersetzungsversuche gibt’s nur dann, wenn es nicht anders geht, eine žemle ist nämlich immer eine Semmel, und eine kaizerka eine Kaisersemmel. Ich würde mich an der böhmischen Seele vergehen, würde ich einen knedlík mit Kloß übersetzen…

Eines der Nationalgerichte: Svíčková na smetaně - Ö: Lungenbraten in Oberssauce und Semmelknödeln; D: Lendenbraten in Sahnesauce und Semmelknödeln. Foto: Patrick-Emil Zörner, commons.wikimedia.org

Eines der Nationalgerichte: Svíčková na smetaně – Ö: Lungenbraten in Oberssauce und Semmelknödeln; D: Lendenbraten in Sahnesauce und Semmelknödeln. Foto: Patrick-Emil Zörner, commons.wikimedia.org

Ich zitiere aus der „Süddeutschen“, die unter dem Titel „Von der ‘unerträglichen Leichtigkeit des Seins’ ist in der böhmischen Küche wenig zu spüren“ schreibt:

Die Zeit der k. u. k. Monarchie hat den Speisezettel Böhmens und Mährens nachhaltig geprägt. Dabei ist heute kaum mehr zu sagen, was zuerst da war: die böhmischen palačinky oder die Wiener Palatschinken, das ungarische Gulasch oder das böhmische guláš, der bayerisch-österreichische Schweinebraten (Das heisst Schweinsbraten!, Anm. d. A.) mit Knödeln und Kraut oder das tschechische vepřo, knedlo, zelo1. Jedenfalls unterscheidet sich die Speisekarte im tschechischen restaurace nur marginal von der in den traditionellen Wirtshäusern von Wien, Linz oder Budapest. 2

Naja. Der Artikel ist schon ein paar Jahre alt, das Zitat trifft zu, die Überschrift nicht mehr. Und dass man sich in Prag von exotischen Genüssen eher fernhalten sollte, wie es weiter unten im Text heisst, stimmt auch nicht mehr. Und: Die Jungen wollen die fette Küche nicht mehr, die tschechischen Köche erhalten bereits ihre ersten Michelin-Sterne, im Privatfernsehen laufen Kochshows, unter anderem mit einem eingewanderten Italiener mit charmantem Akzent3, und so manches Prager Restaurant biegt sich vor lauter Lobpreisungen im Tripadvisor.

In diesem Kapitel geht es um Lokale, die ich für Sie ausgesucht habe, von witzig bis einmalig, um das tschechische Essen und Trinken im Allgemeinen, Spezialitäten, die Nicht-Einheimische kaum kennen, um Koch- und Küchenhistorie und ums Einkaufen. Ein eigener Abschnitt ist den Prager Kaffeehäusern gewidmet, und wenn das ein Wiener schreibt, dann ist da was dran.

1 Akürzung im Arbeiterjargon für vepřová, knedlík, zelí, also Schweins (-Braten), Knödel, Kraut

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