Prag im Herbst – JEDE MENGE Kultur!

Wenn die PragerInnen nach der Sommerpause langsam ihre Stadt wieder von den Touristenmassen zurückerobern, geht auch der nicht auf selbige Massen zugeschnittene Kulturbetrieb wieder los. Dvořáks Prag, das Herbstfestival der klassischen Musik, ist zwar schon vorbei (Ich habe mir ein Konzert der Prague Philharmonia, der Prager Kammerphilharmonie, mit Starsolistin Sarah Chang im Spanischen Saal der Prager Burg gegeben – ein Traum), aber der Highlights werden es nicht weniger.

Španělský sál

Španělský sál – der Spanische Saal der Prager Burg, seltener Konzertschauplatz. Foto: GK

Nachstehende ist natürlich eine – meine – subjektive Auswahl, aber mit den dazu gelieferten Links können Sie sich Ihr Programm ja auch selbst zusammen stellen. Von mir – ich führe das ARCO Guesthouse – gibt es dazu nicht nur Hilfe und Information vor Ort (wie kommen Sie zum Konzert, brauchen Sie ein Taxi etc.), sondern auch thematisch passende Stadtführungen angeboten, und auf unserer Website gibt es eine kurze Geschichte der böhmischen/tschechischen Musik zum Herunterladen, sowie eine “Gebrauchsanweisung”, wie man billiges Touristengeklimper von Qualitätsmusik unterscheiden kann.

Es geht aber bei weitem nicht nur um Musik. Im Herbst starten mehrere sehr interessante Ausstellungen, die Veranstaltungen zum hundertjährigen Jubiläum der Staatsgründung erreichen ihren Höhepunkt, sowohl DesignBlok als auch die Design Week zeigen tschechische Kreativität, und für deutschsprachige Besucher ist das Prager Theaterfestival deutscher Sprache eine seltene Gelegenheit, die besten deutschsprachigen Bühnen innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen in ein und derselben Stadt spielen zu sehen. Dazu gibt es von mir die Geschichte des Prager Thaters, bis 1945 zweisprachig, wie alles hier, sehr bewegt und sehr oft auch politisch relevant.

Und ganz abgesehen von der “organisierten” Kultur: Ein Spaziergang durch den ältesten, teils völlig von Efeu überwucherten Teil der Olšany-Friedhöfe ist eine wundervolle Gelegenheit zur Meditation, und eine Stadtwanderung durch die Villenviertel aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist nicht nur ein architektonisches, sondern auch historisches Erlebnis. Und wenn Sie diese Spaziergänge mit mir machen möchten, erhalten die Grabsteine und Gruften und Häuser eine Rolle in der Geschichte dieser unglaublichen Stadt.

Zur Musik im Detail: Am 9. Oktober startet das Festival “Struny podzimu”, die “Saiten des Herbstes”, ein breites Angebot an Jazz, Folk, diversen alternativen Musikformen und “schönen Klängen”, wie ich das amateurhaft nennen würde, oft an ungewöhnlichen Spielorten. Beispiel: Zur Eröffnung am 9.10. die Ars Nova Copenhagen & Paul Hillier im Vitkov Memorial, dem bunkerartigen Museum der Republik am “Šiškaperk” nördlich des Hauptbahnhofes, dessen Festsaal an beste Sowjetarchitektur erinnert, obwohl er schon in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Am darauffolgenden Tag spielt im Palác Akropolis die US-Band Kamelot, ich hätte sie als klassische Rockband bezeichnet, sie selbst nennen es “symphonic Metal”, jedenfalls können sie auch live echt gut singen und richtige Instrumente spielen, was im heutigen Techno- und Rap-Gedröhne eine Seltenheit ist. Der Palác (Ein C ist hier immer ein C wie in Cäsar, selbst wenn dieses umstritten ist) Akropolis befindet sich in einem nicht überrenovierten Art Deko-Haus nahe dem Fernsehturm, 20 Minuten Fussweg vom ARCO Guesthouse, und hat neben der Bühne noch einen kleinen Saal, ein Café und ein Restaurant und bringt ein eher alternatives, sehr ausgesuchtes Repertoire.

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Palác Akropolis, in der Nähe des Fernsehturms: Bühne, Club, Restaurant, Café. Foto: Palác Akropolis

Am 10.10. findet in der Villa des zu allen Jahreszeiten schönen Gröbe-Parks, quasi vor unserer Haustür, eines der eher seltenen Kammerkonzerte des Zyklus “Tóny Vinohrad”, der “Töne der Weinberge” statt (“Dialog zwischen Geigen und Kontrabass”, Bach, Dvořák, Smetana, Janáček, Suk, Stamic). Zu Park und Villa Gröbe gibt es von mir eine Geschichte, das ist hier eigentlich nichts Besonderes, denn hier gibt es zu fast Allem eine Geschichte, aber hier haben wir es mit einem signifikanten Beispiel für Prags hochinteressante und leider wie immer auch tragische jüdische Geschichte zu tun. Die Karten für dieses Konzert sind kostenlos, aber Sie müssen mir Ihren Kartenwunsch VOR dem 1.10. mitteilen, denn dann müssen wir sie am Magistrat des 2. Bezirks abholen (Die WienerInnen wissen, was ein Magistrat ist. Das ist nicht die einzige Ähnlichkeit…).

Am 17.10. findet im Kloster Břevnov eines der Festkonzerte zum 100. Geburtstag der Republik statt. Suk, Zelenka, Dobiáš, Mozart und Janáček werden von den SolistInnen des Kammerorchesters der Prager Musikhochschule HAMU gespielt, das bürgt für Qualität. Břevnov ist eines der ältesten Klöster des Landes, befindet sich in einem Aussenbezirk (36 Minuten mit der Strassenbahn 22 direkt von uns), in einem reizvollen Garten, der das Kloster vor seiner neuzeitlichen Umgebung schützt (Kaserne, Motorrad-Rennstrecke u. Ä.), und verfügt über eine Klosterbrauerei und ein Restaurant mit jeder Menge deftiger böhmischer Küche. (Da der Link zum Konzert nur auf Tschechisch verfügbar ist, helfen wir Ihnen, wenn nötig.)

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St.-Agnes-Kloster, Museum, Garten, Café, Ruheoase. Foto: GK

Am 18.10. folgt das nächste Gustostück in Form eines Konzert des Jazzpiano- (und Gitarren-) Virtuosen Egberto Gismonti im nüchternen, mit einem neuen akustikfreundlichen Dach versehehen Konzertsaal des ehrwürdigen St.-Agnes-Klosters. Das ehemalige Kloster ist auch Teil der Nationalgalerie und beherbergt die sehr sehenswerte Mittelalter-Sammlung. Das ganze Areal wurde vor Kurzem renoviert, die Gärten kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ein wunderbarer Gebäudekomplex und gleichzeitig eine Ruheoase, 10 Minuten Fussweg vom völlig überrannten Altstädter Ring, dem Zentrum der Stadt.

Szenenwechsel: Am 6.11. spielen die Punch Brothers im grossen Saal des Lucerna-Komplexes, ein in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts vom Grossonkel Václav Havels finanziertes und von seinem Grossvater erbautes Einkaufs- und Veranstaltungszentrum, sehenswert, wenn auch (immer noch) nicht renoviert und gleichzeitig eine Umgehungsmöglichkeit des vom Billigtourismus entwerteten Wenzelsplatzes.

Am 13.11. kann man im Palác Akropolis eine neue grossartige Jazz-Stimme hören, “Somi” heisst sie, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen grässlichen Teenie-Girlie-Band.

Von 18.11. bis 1.12. wird in Prag deutschsprachiges Theater gespielt, das Programm gibt es ab Anfang Oktober, Karten ab 1.11.

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Das neue kleine Glasmuseum in der Portheimka, einem Barockschlösschen in Smíchov. Foto: GK

Mein Ausstellungs-Highlight in diesem Herbst ist die grosse František-Kupka-Schau in der Reitschule des Waldstein-Palais, gleich hinter der U-Bahn und Strassenbahnhaltestelle Malostranská (U.A. Linie 22 :-). Kupka war zusammen mit Kandinsky und Mondrian einer der ersten, die es zu Beginn des 20. Jahrhunderts wagten, völlig der figurativen Malerei zu entsagen. Zurückgezogen lebend in Paris, wurde er nach dem 2. Weltkrieg von der späteren Mäzenin und Initiatorin des Museums Kampa, Meda Mladková, wieder entdeckt. Ihre Sammlung ist im Museum Kampa ausgestellt, und bis 20.1.2019 kann man in der Waldstein-Reithalle auch Kupkas Werke aus anderen Sammlungen sehen. Meda Mladková hat kürzlich ihren 99. Geburtstag gefeiert. An schönen Sonnentagen sitzt sie manchmal eher inkognito im kleinen Skulpturengarten des Kampa-Museums und sieht den Menschen zu, die ihr Museum besuchen. Sie hat noch zwei weitere Museen in Prag initiiert bzw. revitalisiert, darunter ein ganz kleines Glasmuseum, das mich völlig fasziniert hat.

Das grosse Haus der Nationalgalerie, der Veletržní palác oder Ausstellungspalast, wird zur Zeit teilweise umgestaltet. Ab 24.10. kann man sich dann die neu arrangierte Sammlung französischer Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ansehen, mit der es eine besondere Bewandtnis hat (Wieder eine Story von mir…), da ihre Entstehung politische Hintergründe hat und eng mit der Emanzipation Böhmens gegenüber dem habsburgischen Wien zu tun hat. Der Haupt-“Sponsor“ dieser Sammlung war ein tschechischer Kunsthistoriker und späterer Direktor der neuen Nationalgalerie, der um 1910 einer der ersten war, der Picasso ernst genommen hat und begann, sein Frühwerk (als Privatmann) aufzukaufen. Diese Sammlung, inklusive jenes bedeutsamen Selbstportraits aus dem Jahr 1911, das den Übergang zum Kubismus signalisiert, und eine Reihe von Impressionisten, vermachte er 1960 der Nationalgalerie. Die ARCO-Bibliothek hat dazu sowohl zwei Dissertationen (Tschechisch und französisch, letztere ein persönliches Geschenk der Autorin), und die Biografie des Kunsthändlers in Paris, der Picasso exklusiv unter Vertrag hatte (frz.).

Zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik gibt es eine Unzahl von Veranstaltungen im ganzen Land und natürlich am 28.10. die Wiedereröffnung des Nationalmuseums nach der umfangreichen Renovierung. Am 28.10.1918 haben die Vertreter des sogenannten Nationalausschusses, dem Vorläufer einer provisorischen Regierung, im Gemeindehaus (Das ist nicht das Rathaus!) die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben. Das Gemeindehaus, bewusst mtten im vorwiegend deutschen Viertel der Innenstadt errichtet, sollte die Replik auf das unweit gelegene Deutsche Haus darstellen, beide jeweiliger Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der beiden Volksgruppen. Dieses Gemeindehaus, sowie das Nationalmuseum und das Nationaltheater waren die wichtigsten Symbole der Emanzipation Prags von Wien und schliesslich auch Einrichtungen, mit denen Prag sich aus dem Status einer Provinzstadt des Kaiserreichs zur mitteleuropäischen Grossstadt entwickelte. Die Antwort der Deutschen auf das Nationaltheater war übrigens die heutige Staatsoper. Wenn die Webseite der Jubiläumsveranstaltungen für Sie zu verwirrend ist, helfen wir Ihnen bei der Auswahl. Und zu diesem Thema möchte ich Ihnen sehr viel erzählen.

Das alles ist nur eine kleine Auswahl. Es gibt wesentlich mehr Angebot an qualitativ guter Musik aller Sparten, viel mehr Ausstellungen, vom Tanztheater habe ich noch gar nicht gesprochen, ebenso wenig von den Kirchen und Klöstern, und alles das, was dann im Advent angeboten wird, erzähle ich Ihnen das nächste Mal.

Passende Packages

Gültig von 1.10.-15.12.2018 und von 7.1.-31.03.2019:

3 Nächtigungen im Doppelzimmer mit Bad und Frühstück, plus Stadtspaziergang (Geschichte, Literatur, Architektur, Musik, Theater, 12-20h mit Pausen) sowie Hilfe bei der Programmplanung, zu €250

3 Nächtigungen im Studio (Grösser, mit Küchenencke und Vorraum) wie oben angeführt zu €280

5 Nächtigungen im Doppelzimmer, wie oben angeführt, zu €320

5 Nächtigungen im Studio, wie oben angeführt, zu €350

Solange der Vorrat reicht (Wir haben nur 8 Zimmer…)

www.arcoguesthouse.com, Buchungen via pension_arco@post.cz oder +420 732 720 623

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2 responses to “Prag im Herbst – JEDE MENGE Kultur!

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